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Ordensgebet

Herr Jesus Christus,

Du rufst uns,

Zeugen Deiner Botschaft und Deiner Erlösung zu sein.

Wir sind Zeugen Deines Todes und Deiner Auferstehung,

Zeugen des Lebens, das Du gebracht hast,

Zeugen der Liebe, Zeugen der Freude.

Wir sind gerufen,

aus der Kraft Deines Kreuzes und Deiner Auferstehung,

durch unser Wort und unser christliches Leben,

den Menschen Hoffnung und Zuversicht zu geben.

Herr,

gib uns in Deinem Geist Mut zum Zeugnis.

Gib uns offene Augen,

offene Ohren

und ein offenes Herz für die Not der Menschen,

besonders für die Christen im Hl. Land,

die unserer persönlichen Sorge anvertraut sind.

Lass uns denken und handeln nach Deinem Wort und Beispiel.

Lass uns unsere Berufung leben mit den Schwestern und Brüdern,

die zur Gemeinschaft des Ritterordens gehören.

Lass uns miteinander auf dem Weg sein.

Lass uns leben in und mit Deiner Kirche.

Lass uns selbst Kirche sein, wie Du sie gewollt hast.

Sei gepriesen jetzt und in Ewigkeit.

Amen.

Skizze zur Spiritualität
des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem

Vortrag anlässlich der Feier des 20-jährigen Bestehens der Komturei Eisenstadt

gehalten von Prior P. Lic. theol. Stefan Reuffurth OMV, MA


Am 24. September 1990 errichtet, blickt die Komturei Eisenstadt heute auf zwei Jahrzehnte ihres Bestehens zurück. Sie kann dies durchaus mit Dankbarkeit und Stolz tun. Der freudige Anlass ist aber zugleich auch eine Gelegenheit einmal wieder nach den geistlichen Fundamenten des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem zu fragen. Gibt es eigentlich so etwas wie eine spezifische Spiritualität unseres Ordens? Befragt man das Statut des Ritterordens zum Stichwort „Spiritualität", so wird man enttäuscht. Dort ist zwar z.B. genau geregelt, wer das Jerusalemkreuz im Wappen führen darf, aber die spirituellen Grundlagen unserer Gemeinschaft finden keine Erwähnung.

 

Anders die Neufassung des Leitbilds der österreichischen Statthalterei vom Juli dieses Jahres. Sie ruft auf zur Förderung der Spiritualität des einzelnen und der ganzen Ordensgemeinschaft, die ein zentrales Anliegen unserer Gemeinschaft darstelle (cf. Unser Leitbild, 5). Zum Wesen dieser Spiritualität wird aber auch hier nicht viel mehr gesagt als dies:

 

„Die Ritter und Ordensdamen vom Hl. Grab zu Jerusalem haben sich dazu entschlossen, im Geist des Ordens, getreu dem Evangelium und dem Ordensgelübde, den Pilgerweg des irdischen Lebens froh und zuversichtlich zu gehen, der vom Glauben bestimmt wird, von der Hoffnung getragen wird und in der Liebe seine Erfüllung findet" (Unser Leitbild, 10).

 

Einen weiteren Hinweis findet man in unserem Gebet- und Gesangbuch Miles Christi. Im Geleitwort heißt es: „Alle Ritter und Damen im Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem sind berufen, ihr Leben aus dem christlichen Glauben, der Hoffnung und der Liebe zu gestalten, gewaltfrei und furchtlos für das Reich Christi und die Kirche einzustehen, den Nächsten beizustehen und besonders unsere Mitchristen im Heiligen Land zu unterstützen. Diese Ordensspiritualität zu vertiefen und zu erneuern ist für alle eine bleibende Aufgabe... (Miles Christi, 5).

 

Natürlich ist ein Geleitwort nicht der Ort, um in erschöpfender Weise die Spiritualität unseres Ordens darzulegen. Dennoch stellt sich bei dieser Kurzformel die Frage, was uns - sieht man einmal von der Unterstützung der Christen im Heiligen Land ab - von den anderen Katholiken unterscheidet. In den jüngeren Annalen unseres Ordens findet sich ein Vortrag des damaligen Assessors und nunmehrigen pensionierten Kardinalpriesters von St. Paul vor den Mauern, Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, mit dem verheißungsvollen Titel „Die Spiritualität des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem" (siehe Annales 1996; aus dem Englischen übersetzt nach: http://www.eohsj.net/EOHSJSpirituality.htm). Dort postuliert der Autor eine ganz „spezifische und starke Spiritualität" des Ritterordens, „die ihn von allen anderen Orden und Institutionen in der katholischen Kirche unterscheidet."

 

Diese spezifische Spiritualität sieht Kardinal Montezemolo in zwei fundamentalen Elementen begründet:

1) in „dem noblen Geist der Ritterlichkeit, ...der sich in den Dienst der Kirche und der Verteidigung des katholischen Glaubens stellt";

2) in „dem mutigen täglichen Bekenntnis des Glaubens, in der sicheren Hoffnung und in aktiver, großzügiger und wohltätiger Hingabe an die heutige Welt."

Der Kardinal nennt weiters die Berufung zur Heiligkeit, die Heiligung des Alltags, eine besondere Verbundenheit mit dem Papst, sowie das intensive persönliche und gemeinschaftliche Gebet.

 

Abgesehen von dem hier nicht näher definierten „noblen Geist der Ritterlichkeit", der wohl eher ein Ethos als eine eigenständige Spiritualität darstellt, handelt es sich um Eigenschaften, die jeden guten Katholiken auszeichnen sollten.

 

Was diese Ritterlichkeit im spirituellen Sinn ausmacht, darüber gibt der Ritus der Investitur Aufschluss. Im Versprechen geloben die Kandidaten, sich noch mehr zum Glauben an Christus und zu ihrem eigenen Christsein zu bekennen und ihr ganzes Leben danach auszurichten (siehe Miles Christi. Gebet- und Gesangbuch der deutschsprachigen Statthaltereien im Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, 23 ff).

 

Ein Ritter, bzw. eine Dame vom Heiligen Grab soll stets bedenken, dass Glaube, Hoffnung und Liebe das Reich Gottes auf Erden errichten und nicht Krieg und Gewalt. Außerdem wurde uns bei unserer Aufnahme in den Orden das Wort des Apostels Paulus ans Herz gelegt: „" (Eph 6, 13-17).

Es geht also offensichtlich um mehr als ein ritterliches Ethos mit seinen Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß, und den spezifischen vier Grundhaltungen, die den Ritter, bzw. die Dame auszeichnen und kennzeichnen: Beständigkeit, Besonnenheit, Treue und Mildtätigkeit. Aber auch dieses Ethos haben wir mit den anderen geistlichen Ritterorden in der katholischen Kirche gemeinsam. Gibt es wirklich ein spirituelles Spezifikum unseres Ordens, wie es Kardinal Montezemolo annimmt?

 

Wie schon der Titel dieses Vortrags sagt, ist es in diesem Rahmen nicht möglich mehr als nur eine Skizze unserer Ordensspiritualität zu zeichnen. Bei meinen Recherchen zu diesem Thema stieß ich auf eine Habilitation des deutschen Historikers Kaspar Elm aus dem Jahr 1964. Ihr Titel: „Geschichte und Selbstverständnis des lateinischen Kapitels vom Heiligen Grab in Jerusalem". In dieser Arbeit findet sich auch ein Hinweis zur Spiritualität dieses Kapitels, aus dem zumindest mittelbar auch unsere Gemeinschaft hervorgegangen ist.

 

„Die Aufgabe, in der Nachfolge des Engels, die Wacht am Grabe des Herrn auszuüben, bestimmte dann auch in erster Linie Tätigkeit und Spiritualität des Kapitels. Die Verehrung von Grab und Kreuz nach den Vorschriften der Liturgie war die höchste Würde und der eigentliche Wesensgrund der Kanoniker vom Heiligen Grab" (Kaspar Elm, zitiert nach http://www.kloster-denkendorf.de/wappen.htm).

 

Die Wache am Grab des Herrn, sowie die liturgische Verehrung von Kreuz und Grab waren also von zentraler Bedeutung für die Spiritualität der Kanoniker vom Heiligen Grab. Dass dies auch heute für unseren Orden von Bedeutung ist, unterstrich Papst Benedikt XVI. in seiner am 5. Dezember 2008 vor Mitgliedern der Consulta gehaltenen Ansprache:

 

„Liebe Brüder und Schwestern, es besteht ein altes und ruhmreiches Band zwischen eurem Ritterorden und dem Heiligen Grab Christi, an dem in ganz besonderer Weise die Herrlichkeit seines Todes und seiner Auferstehung gefeiert wird. Eben darin liegt der Dreh- und Angelpunkt eurer Spiritualität. Der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus sei daher der Mittelpunkt eures Lebens sowie eines jeden Projektes und Programms auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene. Lasst euch von Seiner heilbringenden Macht leiten und stützen, um zutiefst die eurer Berufung entsprechende Sendung zu leben, ein beredtes Zeugnis für das Evangelium abzulegen und in unserer Zeit Baumeister einer wirksamen Hoffnung zu sein, die auf der Gegenwart des auferstandenen Herrn gründet. Er leitet und stützt mit der Gnade des Heiligen Geistes die Bemühungen all jener, die sich dem Aufbau einer neuen Menschheit widmen, die von den im Evangelium wurzelnden Werten der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens beseelt ist" (Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor Mitgliedern der Consulta am 5. Dezember 2008).

Der Papst als Souverän unseres Ritterordens gibt uns hier einen deutlichen Hinweis darauf, was das Herz unserer Spiritualität ist: das Paschamysterium Jesu. Das Heilige Grab verweist uns auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Damit ist das Hauptmerkmal unserer Spiritualität eine zutiefst österliche Frömmigkeit. Das Zeichen des Ritterordens vom Hl. Grab ist das fünffache Kreuz des Gottfried von Bouillon. Bei der Investitur wurde es uns mit der Aufforderung übergeben immer wieder zu beten: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!" Als unser Ordenszeichen will es uns an die zentrale Bedeutung des Paschamysteriums erinnern. Unser Gebetbuch Miles Christi mit seinen Messformularen (vor allem der Rittermesse), Gebeten und Litaneien will uns dabei helfen. Die Wallfahrt ins Heilige Land und insbesondere zum Heiligen Grab in Jerusalem ist daher nicht nur eine bei der Aufnahme in den Orden eingegangene Verpflichtung. Sie soll uns für unser ganzes Leben helfen die Geheimnisse des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu zu betrachten und zu verinnerlichen.

An die Stelle der Grabeswache am historischen Ort tritt für uns somit die häufige Betrachtung des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu im persönlichen wie im gemeinschaftlichen Gebet. Auch wenn wir nicht wie die Kanoniker der Grabeskirche ständig Wache am Heiligen Grab halten können, so stellen wir doch das Paschamysterium bewusst in den Mittelpunkt unseres Lebens und all unserer Zusammenkünfte, vor allem der monatlichen Treffen der Komtureien. Denn in der Eucharistiefeier werden Tod und Auferstehung Jesu, ja der gekreuzigte und auferstandene Herr selber gegenwärtig. Daher muss ein Ritter, bzw. eine Dame vom Heiligen Grab ein intensives eucharistisches Leben führen.

 

Durch die häufige Betrachtung des Ostergeheimnisses und die Feier der Eucharistie wird nicht nur unser Glaube vertieft und gefestigt, sondern es erwächst uns auch eine starke Hoffnung. Zugleich wird unsere Liebe zu Christus erneuert und vertieft, wenn wir betend sein Leiden und Sterben betrachten, diese höchste und unüberbietbare Manifestation der Liebe und des Erbarmens Gottes. Ich darf dazu nochmals den Heiligen Vater zitieren, der bei seinem Besuch des Heiligen Grabes im Mai des vergangenen Jahres Folgendes sagte:

„Hier lehrte uns Christus, der neue Adam, daß das Böse niemals das letzte Wort hat, daß die Liebe stärker ist als der Tod, daß unsere Zukunft und die der ganzen Menschheit in den Händen eines treuen und vorsehenden Gottes liegt. Das leere Grab spricht zu uns von Hoffnung, von der Hoffnung, die uns nicht zugrunde gehen läßt, da sie die Gabe des lebendigen Geistes ist (vgl. Röm 5, 5). Das ist die Botschaft, die ich euch heute, am Ende meiner Pilgerreise ins Heilige Land, hinterlassen möchte. Möge durch Gottes Gnade die Hoffnung in den Herzen aller Menschen, die in diesen Ländern wohnen, stets neu aufsteigen! Möge sie in euren Herzen wurzeln, in euren Familien und Gemeinschaften bleiben und in einem jeden von euch ein immer treueres Zeugnis für den Friedensfürsten anregen! Die Kirche im Heiligen Land, die so oft das dunkle Geheimnis von Golgotha erfahren hat, darf niemals aufhören, ein unerschrockener Herold der leuchtenden Botschaft der Hoffnung zu sein, die dieses leere Grab verkündet" (Ansprache von Benedikt XVI. beim Besuch des Heiligen Grabes am 15. Mai 2009).

Auch uns muss diese österliche Hoffnung erfüllen. Gerade unsere Aktivitäten im Heiligen Land müssen Zeugnis von dieser Hoffnung ablegen. Ein Zeugnis, das unsere Schwestern und Brüder im Land Jesu so dringend brauchen.

Um abschließend die eingangs gestellte Frage nach der „spezifischen und starken Spiritualität" unseres Ordens, wie Kardinal Montezemolo es ausdrückte, zu beantworten: Das innerste Wesen dieser Spiritualität scheint mir ihr österlich-christozentrischer Charakter zu sein. Aus ihr fließt auch die Motivation für die materielle und geistliche Hilfe, die wir, wie einst der Apostel Paulus und die urchristlichen Gemeinden Kleinasiens, unseren Schwestern und Brüdern im Heiligen Land zukommen lassen.

Trotz oder gerade wegen des österlich-christozentrischen Charakters der Spiritualität unserer Gemeinschaft hat Maria, die Mutter Jesu einen festen Platz in unserer Ordensfrömmigkeit. Sie hat uns den Erlöser geboren und ist mit dem Paschamysterium ihres Sohnes aufs Innigste verbunden (siehe Vaticanum II, LG 58 & 61). Wir verehren sie als Königin von Palästina. Möge sie uns allen Fürsprecherin sein, dass wir treue Diener und Dienerinnen unseres Herrn Jesus Christus, mutige Zeugen seines Wortes und verlässliche Ritter und Damen seines Heiligen Grabes sein können und so in der Gemeinschaft der Kirche zum himmlischen Jerusalem gelangen (vgl. Miles Christi, 24).