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Ein Appell von Papst Franziskus

"Meine Gedanken wenden sich jetzt Jerusalem zu. Diesbezüglich kann ich meine tiefe Sorge über die Situation nicht zum Schweigen bringen, die sich in den letzten Tagen eingestellt hat, und in diesem Sinn kann ich nur einen dringenden Appell an alle richten, den Status Quo in der Stadt zu respektieren, wie es dem von den Vereinten Nationen gefassten Entschluss entspricht. Jerusalem ist eine einmalige Stadt, eine heilige Stadt für Juden, Christen und Muslime, die dort die Heiligen Stätten ihrer jeweiligen Religion verehren, und die eine besondere Berufung zum Frieden hat. Ich bete zum Herrn, dass diese Identität zum Nutzen des Heiligen Landes, des Nahen Osten und der ganzen Welt bewahrt und verstärkt wird, dass Weisheit und Klugheit die Oberhand bewahren und vermieden wird, neue Spannungselemente in eine Weltlage hineinzutragen, die bereits erschüttert und von genauso zahlreichen wie grausamen Konflikten gezeichnet ist."

 

Radio Vatikan stellt dazu in einer Aussendung fest: 

"Der Nahost-Konflikt war schon bisher schier unlösbar. Donald Trump kommt nun das zweifelhafte Verdienst zu, die Dinge noch komplizierter gemacht zu haben. Die Entscheidung des US-Präsidenten, dass die USA als erstes Land der Welt Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen, bedeutet – wie ein palästinensischer Diplomat formulierte – den „Todeskuss“ für die Zwei-Staaten-Lösung.

Trumps Entscheidung vom Mittwochabend wird aber auch dieser Heiligen Stadt nicht gerecht, sagt jemand, der in ihr wohnt: Nikodemus Schnabel. Der deutsche Benediktiner ist Prior-Administrator der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg Jerusalems, ganz in der Nähe vom Davidgrab und dem Abendmahlssaal.

Pater Nikodemus sagt an diesem Donnerstag im Gespräch mit Radio Vatikan: „Das ist eine hochkomplizierte, hochkomplexe Stadt – ein ganz feines Spinnengewebe. Mit einer sehr, sehr langen Geschichte, die partiell verschieden erinnert oder auch verdrängt wird. Und eben eine Stadt, die gleich drei großen Religionen heilig ist, und diese Religionen sind alle hier präsent, und zwar in einer großen Buntheit. Wir haben ja fünfzig christliche Konfessionen; bei den Muslimen haben wir Sunniten, Ahmadiyya, Schiiten, bei den Juden Jemeniten, Sepharden, Aschkenasen – und das alles noch in verschiedenen religiösen Abstufungen. Das heißt: eine feinziselierte Stadt, die man mit großer Sensibilität angehen muss.“

Der Benediktiner hat auch ein Beispiel dafür, wie parteiisch oft mit der Geschichte Jerusalems umgegangen werde. Er höre oft von jüdischen Gesprächspartnern, Jerusalem sei 3.000 Jahre alt und die ewige, ungeteilte jüdische Hauptstadt. „Da muss man sagen: Nein, Jerusalem ist viel, viel älter, nämlich mindestens viereinhalbtausend Jahre alt (wenn nicht noch älter); wir haben gute archäologische Funde aus der Bronzezeit, und dort, wo der jüdische Tempel stand, stand vorher ein kanaanäisches Heiligtum, in dem Wetter- und Muttergottheiten verehrt wurden. Also ein ganz bunter Götterhimmel – das passt natürlich nicht zu diesem Narrativ. Das heißt, diese Zeit wird verdrängt.“

Heiliger Stuhl hat noch die visionärste Perspektive

Umgekehrt behaupteten viele muslimische Gesprächspartner, es habe dort, wo sich heute Felsendom und al-Aksha-Moschee erheben, nie einen jüdischen Tempel gegeben. „Ich meine: Jeder, der Augen hat, sieht doch an der Westmauer die herodianischen Strukturen und kann sehen, dass dort ein jüdischer Tempel stand! Diese Stadt, die quasi unfähig ist, ihre Geschichte gemeinsam zu erzählen – diese Stadt muss man wirklich mit größter Sensibilität behandeln, weil es eben so viele Verletzungen, Verwundungen, Vernarbungen gibt. Diese Stadt braucht große Sensibilität, und man muss sich fragen, ob der Schritt von gestern Abend dieser Stadt gerecht wird.“

In der jetzigen – wieder einmal gründlich verfahrenen – Lage rät Nikodemus Schnabel dazu, nicht reflexartig zu fragen: Oh, gibt es Unruhen, ja oder nein. „Denn dann hat man nur die Diskussion: Gibt es Gewalt? Das ist schlecht. Oder gibt es keine Gewalt? Dann ist es okay. Ich glaube, die Frage muss eine andere sein: Was dient dieser Stadt, die ja eine Berufung zum Frieden hat – was dient ihr zum Frieden (wie der Papst gesagt hat), was dient zur Versöhnung und zur Gerechtigkeit, und was konterkariert diese Bemühungen? Aus meiner Sicht hat der Heilige Stuhl, der der UNO-Resolution von 1947 folgt, da wirklich immer noch die visionärste Perspektive. Zu sagen: Jerusalem als corpus separatum, als eine Stadt, die internationalisiert wird, weil diese Stadt eben zu groß, zu bedeutungsschwanger und zu geschichtlich aufgeladen ist, als dass man sie national verengen und kleinkariert sehen dürfte.“

Wie langweilig wäre Jerusalem…

Donald Trumps Entscheidung, die Heilige Stadt auf dem Schachbrett der Geopolitik einfach der israelischen Seite zuzuschlagen, wird aus der Sicht des Benediktiners vom Zionsberg Jerusalem nicht gerecht.

„Wie langweilig wäre Jerusalem, wenn es eine rein jüdische Stadt wäre! Wie langweilig wäre Jerusalem, wenn es eine rein muslimische Stadt, oder eine rein christliche Stadt wäre! Der Zauber dieser Stadt ist ja gerade die Mixtur, gerade die Buntheit, diese Kompliziertheit!“

Was Jerusalem jetzt bräuchte, wäre eine Blickumkehr, sagt Nikodemus Schnabel. Mehr Gespräche, mehr „Freude daran, dass auch der andere diese Stadt als heilig ansieht und zu ihr pilgert“ – alles, was Jerusalem zu einer „offenen Stadt“ machen könnte, „in der jeder als Mensch willkommen ist“. „Für diese Vision beten wir, gerade für Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit; denn diese Stadt ist voller Spannungen, voller Hass. Und gerade die Religionsführer müssten da noch einmal stärker ihre Stimme erheben und sagen: Es geht um einen Dialog, der natürlich mühsam ist und auch Kompromisse abverlangt. Das ist nie attraktiv, aber eine Stadt, die mit Siegern und Besiegten operiert, die andere auch demütigt – das ist nicht das, was zur Zukunft reicht.“

Die Christen sagen: Wo kommen wir denn vor?

Kompromisse also – so schwer diese auch immer einzugehen sind. „Aber niemand hat gesagt, dass es für Jerusalem einfache Lösungen gibt… Diese Stadt ist kompliziert.“

Besondere Sorge macht sich der Benediktiner im Moment um die Christen in Jerusalem und generell im Heiligen Land. Die Debatte kreise im Moment ausschließlich um den israelischen Anspruch, Jerusalem als jüdische Hauptstadt zu haben, und um die scharfe Gegenreaktion von Muslimen. „Und die Christen sagen: Wo kommen wir denn vor? Über uns redet überhaupt keiner mehr! Man hat wieder mal das Gefühl, die Juden und Muslime haben sich in der Wolle, aber wir kommen gar nicht vor. Diese zwei Prozent Minderheit der Christen fühlt sich immer stärker marginalisiert. Wenn man sieht, wer am meisten auswandert und die Bindungen zu dieser Stadt löst – das sind die Christen dieser Stadt.“

Wer Jerusalem nicht schon den Rücken gekehrt habe, der denke jetzt gerade darüber nach, das zu tun. „Und das fände ich wirklich tragisch. Da würde wirklich ein wichtiger Bestandteil dieser Stadt verlorengehen.“

(rv 07.12.2017 sk)

 

Die Oberhäupter der christlichen Kirchen im Heiligen Land schrieben diesbezüglich an Präsident Trump. Siehe: https://www.lpj.org/heads-local-churches-send-letter-to-president-donald-trump-regarding-status-of-jerusalem/